Der Deutsche Computerspielepreis ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung: Pragmatisch und wegweisend zugleich
Seit einigen Jahren bemüht sich G.A.M.E, der Bundesverband der Entwickler von Computerspielen e.V. um die Anerkennung des Computerspiels als Kulturgut. Dabei geht es zunächst um grundsätzliche kulturpolitische Fragen, die mit der Entwicklung dieses neuen Mediums, seiner Rezeption und der dynamischen Ausgestaltung des Kulturbegriffs zusammenhängen. Ein erster Baustein kann nun darin gefunden werden, dass auf Initiative der SPD Abgeordneten Monika Griefahn und Jörg Tauss nunmehr in einem Antrag des Bundestags im Hinblick auf den Haushalt des Bundes 2008 erstmals ein neuer, kultureller Blickwinkel auf das Thema sichtbar wurde. Das ist sehr zu begrüßen.
Die Debatte, die im Jahr 2007 in diesem Zusammenhang im Deutschen Kulturrat geführt wurde, war außerordentlich wichtig, denn Computerspiele sind Kulturgut. Spiele an sich sind wohl eine der ältesten Kulturtraditionen überhaupt. Der Kulturbegriff ist dynamisch und kann nicht im Elfenbeinturm entwickelt werden. Die kulturpolitische Legitimität von Computerspielen ergibt sich auch daraus, dass sich das Nutzerverhalten von Medienkonsumenten rasant verändert. Damit einhergehend verändern sich auch die Inhalte und ihre Wahrnehmung. Einige Bevölkerungsteile verhalten sich gegenüber dieser tatsächlich stattfindenden kultrellen Entwicklung zurückhaltend. Das hat seinen Ursprung möglicherweise nicht nur in den Inhalten selbst, sondern orientiert sich oft an einer – die humanistische Ideale falsch verstehenden – Technikfeindlichkeit. Computerspiele verändern unsere Sprache, unsere Denkweise, unser Bewusstsein. Sie sind geeignet, kulturelle Prägungen, Lebenseinstellungen und Grundhaltungen zu transportieren. Millionen Nutzer verbringen einen Teil ihrer Freizeit mit Computerspielen und ihren Inhalten. Kultur bedeutet daher auch Verantwortung.
Ein wichtiges Ergebnis dieser Diskussion die Eingliederung dieses Kulturmediums in die Regulierungs- und Unterstützungssysteme der Informationsgesellschaft, wie sie im Bereich fast aller Kulturwirtschaftsgüter bestehen – wenn auch mit unterschiedlichem Antlitz. Eine lebendige Demokratie braucht Vielfalt. Im Bereich von Kulturwirtschaftsgütern lassen sich die ökonomischen Fragen nur schwerlich von den kulturellen Fragen trennen. Sie beeinflussen sich gegenseitig (wie letztlich auch der technologische Bereich starke Wechselwirkungen hat). Der kulturelle Sondersektor wird mit großem Aufwand in einem „Vielfaltsumfeld“ gehalten (Buchpreisbindung, öffentlich-rechtliches Fernsehen, Film- und Theaterförderung).
Zum ersten Mal werden mit der Auslobung des Computerspielpreises des Bundes 2008 Computerspiele nicht nur negativ mit Verbotsdiskussionen und Ähnlichem assoziiert, sondern auch positiv mit dem kulturellen, wirtschaftlichen und technologischen Potenzial des neuen Mediums in Verbindung gebracht. Das bedeutet auch ein Anerkenntnis für die kulturelle Leistung der an der Erstellung von Computerspielen beteiligten Kreativen: Er stärkt ihr Selbstbewusstsein als Kulturschaffende und regt zur Vielfalt an. Dieser Preis ist nicht nur auch das Ergebnis unserer jahrelangen Bemühungen um die Förderung der Entwicklung von Computerspielen, er geht auch prinzipiell in die richtige Richtung, denn mit diesem pragmatischen Ansatz ist es gelungen auch die ideologischen Zweifel prinzipieller Beihilfegegener auszuräumen, die der besonderen Situation der Kreativen im kulturwirtschaftlichen Kontext häufig noch zu wenig Verständnis entgegenbringen.
Für uns kommt es jetzt darauf an, dass ein deutscher Computerspielepreis entsteht, der tatsächlich die gesamte Bandbreite der Branche repräsentiert und vor allem den besten deutschen Spielentwicklern zu Gute kommt. Ein Preis, der im Wesentlichen im Zusammenhang mit den Hauptsponsoren stehen würde, würde der Spieleentwicklercommunity wenig nützen. Es ist denkbar, dass ein Preis, wie er seit mehreren Jahren mit dem Deutschen Entwicklerpreis in Essen vollzogen wird, ein gutes Modell sein könnte ( www.deutscher-entwicklerpreis.de ). Attraktiv daran ist vor allem, dass der Preis durch eine relativ große Akademie vergeben wird, die – ähnlich dem deutschen Filmpreis – einen großen Querschnitt durch die gesamte Computerspielebranche darstellt. Besonders gut ist, dass diese Preise nicht nur Symbolcharakter haben sollen, sondern tatsächlich den Einstieg in die Förderung konkreter Entwicklungsvorhaben abbildet – und zwar in dem besonders sensiblen Bereich der Projektentwicklung am Beginn der Wertschöpfungskette: Die Preise können so dotiert werden, dass mit ihnen von den Preisträgern neue Projekte angestoßen werden können. Damit lehnt sich dieses Modell an den deutschen Filmpreis an, was wir ausdrücklich begrüßen.
Natürlich kann sich das Engagement des Bundes mittelfristig nicht in dieser Aktivität erschöpfen, aber es ist ein sehr guter Anfang. In zahlreichen anderen Industriestaaten, wie z.B. Kanada, Finnland, Frankreich, Singapur, Korea und China wird die Entwicklung von Computerspielen gerade auch aus kulturwirtschaftlichen Motiven in erheblichem Maße unterstützt. Vereinzelt unterstützen auch die Filmförderungen der Bundesländer, z.B. Nordmedia, MDM, Medienboard u.a. vorwiegend aus kulturwirtschaftlichen Motiven die Entwicklung von Computerspielen – allerdings in bescheidenem Umfang. In diesem Zusammenhang versucht G.A.M.E. zusammen mit den anderen beteiligten Verbänden unter Federführung von BKM eine Bundestiftung auf die Beine zu stellen, die unter Rückgriff auf unterschiedliche Finanzierungsquellen und in öffentlich-privater Partnerschaft hier unterstützend tätig werden kann. Mittelfristig könnte diese Stiftung auch Träger des deutschen Computerspielepreises werden.
Die Computerspieleentwickler selbst werden nur in geringem Maße zu der Industriebeteiligung dieses Preises beitragen können. Zwar hat der Bundestag die Mittelfreigabe mit einer qualifizierten Sperrung versehen, um zu erreichen, dass etwa die gleichen Mittel aus der Industrie für den Preis zur Verfügung gestellt werden können. Ob die Entwickler von Computerspielen – um deren Förderung es ja auch eigentlich geht – allerdings die Mittel aufbringen können, ist fraglich. Jedenfalls ist dies so, soweit es um die Spieleentwickler selbst geht, die – ähnlich wie Filmproduzenten – kreative KMU’s mit minimaler eigener Kapitalausstattung und sehr hohem Risiko darstellen.
Die internationalen Publisher, die im BIU e.V. organisiert sind, haben bereits angekündigt 150.000,- Euro ihrerseits die Hälfte dieses Betrages zur Verfügung stellen werden. Das ist sehr erfreulich. Seit einigen Jahren haben die deutschen Spieleentwickler in ihrem Verband G.A.M.E. e.V. auch Fördermitglieder, die die Anliegen des Entwicklerverbandes, also mittelfristig den Anteil deutscher Produktionen vor allem am Heimatmarkt anzuheben teilen und unterstützen. Diese Unternehmen können möglicherweise an der Seite von G.A.M.E. einen Beitrag zum deutschen Computerspielepreis leisten. Auch die betroffenen Gemeinden und Bundesländer können auf der Seite der Entwickler möglicherweise Finanzmittel zur Verfügung stellen. Die Gespräche dazu sind allerdings noch nicht weit gediehen, da die Entscheidung des Parlaments erst wenige Wochen zurückliegt. Wir vermuten, dass wir erst im ersten Quartal 2008 hier soweit sind konkretere Vorschläge machen zu können. Grundsätzlich ist die Idee diesen Preis auszuloben eine hervorragende Möglichkeit hochwertige Computerspiele aus Deutschland einer breiteren Öffentlichkeit anzubieten und die Entwicklung von zielgruppengerechten und qualitativ hochwertigen Spielen zu fördern.
Veröffentlicht in PuK 2008