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HANDHELD-KONSOLEN: Ein Markt im Wandel der Zeit

Interview mit Dr. Malte Behrmann

Datum: 28.03.2010 Art des Interviews: Telefonisch

Herr Dr. Behrmann, zunächst einmal zu ihrer Person: Sie sind Geschäftsführer für den Bundesverband deutscher Computerspielentwickler…

Nein das bin ich seit 31.12. nicht mehr.

In dem Fall sind meine Informationen diesbezüglich nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand. Sind sie denn noch Generalsekretär der European Game Developer Federation?

Ja das bin ich.

In meiner Hausarbeit geht es ja hauptsächlich um den Handheld Markt. Inwiefern haben sie in ihrem Tätigkeitsbereich auch mit diesem Markt zu tun oder geht es bei ihnen tatsächlich vorwiegend um Computerspiele?

Es gibt natürlich auch Handheld-Games, aber es geht immer um Content.

Bei mir soll es heute hauptsächlich um die Hardware gehen, aber gut da werden sie sicher auch einiges Interessantes dazu beizutragen haben. Fangen wir einmal, aus aktuellem Anlass, mit Nintendo an.

Nintendo war in seiner Geschichte selten dafür bekannt, dass man die allerneueste Hardware in seine Geräte gepackt hat. Der Game Boy hatte kein Farbdisplay obwohl es rein theoretisch möglich gewesen wäre. Die Wii ist von der Hardware-Ausstattung der Playstation 3 oder der Xbox 360 klar unterlegen.

Wie wichtig ist es grundsätzlich, dass man die neueste Hardware in einer Konsole verbaut?

Wie die Wii bewiesen hat ist das nicht einzige ausschlaggebende Gesichtspunkt. Bei der Konsole gibt es zwei wesentliche Punkte. Das eine ist die Mensch-Maschine Schnittstelle, das andere ist die Darstellungsfähigkeit, bzw. die Darstellungsleistung der Konsole. Wie die Wii bewiesen hat ist eben die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine immer wichtiger geworden.

Wie wichtig sind andere Aspekte wie beispielsweise die Bekanntheit der Marke oder die Spieltitel.

23 Die Spieltitel sind selbstverständlich auch wichtig. Der Content ist insgesamt das Wichtigste. Das kann man beispielsweise bei den mobile Handhelds sehr gut sehen, wo es Apple gelungen ist tatsächlich eine neue Generation von wichtigen Computerspielen an sich zu binden. Aus diesem Grund haben sie jetzt auch einen strategischen Vorteil gegenüber den anderen Mobiltelefon Providern im Bezug auf die Game Industrie.

Apple wird im weiteren Verlauf ohnehin noch zum Thema. Bleiben wir zunächst einmal bei Nintendo. Nintendo hat, wie angesprochen, in der Vergangenheit häufig auf Innovationen gesetzt. Das machen sie prinzipiell jetzt wieder. Am letzten Freitag ist der 3DS auf dem Markt erschienen und man setzt voll auf die neuartige 3D Technik. Glauben sie mit Erfolg?

Nintendo ist immer für eine Überraschung gut gewesen. Insofern würde ich die Chancen höher einschätzen, als manch anderer. Der entscheidende Punkt bei Nintendo ist der, wenn man das Unternehmen insgesamt sieht, dass es sich um ein Unternehmen handelt, was tatsächlich sehr stark aus dem rein spielerischen kommt. Sie haben einmal angefangen mit Spielkarten. Eigentlich sind sie ein Hersteller für elektronische Spielgeräte. Sie sind insofern von beispielsweise Sony, Microsoft oder den Handyherstellern zu unterscheiden. Sie fühlen sich primär dem Spielerlebnis verpflichtet. Sie sind in vielerlei Hinsicht in ihren Innovationszyklen völlig anders als die anderen Konsolenhersteller, da sie vor allem das Spielerische selbst im Auge haben und die Innovationen darauf abstimmen. Das macht sie auch so stark. Letztlich bleibt Microsoft ein Computerhersteller und Sony ein Entertainment-Geräte-Hersteller und beide sehen den Spielemarkt als eine zusätzliche Plattform für ihre Hardware-Technologie. Nintendo hat sich, im Gegensatz dazu, vom spielerischen Bereich ausgehend, in den elektronischen Bereich entwickelt. Vergleichbar wäre wenn Schmidt-Spiele, eine deutsche Firma für Spielkarten, auf einmal damit anfangen würde, elektronische Spielkarten herzustellen. Mit ihrem speziellen Know-How sind sie dann in der Lage über das rein spielerische Erlebnis in den Markt zu kommen. Das ist insofern interessant, weil hier auf der Content-Seite angesetzt wird und genau da ist eben auch dieser enorme Erfolg zu verzeichnen.

Warum setzt man dann dieses Mal so sehr auf Technik? Die 3D-Technik ist sicherlich dazu in der Lage, mit innovativen Spielen verknüpft zu werden, aber es bleibt ein Schritt in Richtung Technik.

Man muss natürlich auch immer technische Innovationen sehen. Bei der Wii war es ja auch dass der Wii-Controller seinerzeit revolutionär war. Die Technik gab es zwar schon länger, aber die Einbindung in eine Spielkonsole war noch nicht existent.

Neben Nintendo hat auch Sony einen Nachfolger angekündigt für die PSP (Playstation Portable, d.A.), den Next Generation Portable. Dieser wird allerdings erst in einigen Monaten auf den Markt kommen. Haben sie da schon nähere Informationen, bzw. wie schätzen sie hier die Erfolgschancen ein?

24 Sony ist ja immer im Windschatten der Nintendo Produkte geschwommen. Das liegt daran, dass sie eben nicht aus dem Content Bereich kommen. Zugegebener Maßen hatten sie immerhin damals mit der PlayStation 2 eine große Dominanz im Markt erreicht.

Sony hat ja auch, ich denke da stimmen sie mit mir überein, eine andere Zielgruppe die sie ansprechen wollen als Nintendo, eine etwas ältere Zielgruppe und setzen deshalb auch stark auf diesen Technik Faktor. Die Next Generation Portable soll dazu in der Lage sein, Spiele von der PlayStation 3 mobil weiterzuspielen…

Zu diesem Thema muss ich sagen: Ich habe eine Play Station 3 in meinem Büro und finde persönlich, dass die technologische Seite hier tatsächlich etwas überdimensioniert ausfällt. Es kommt eben nicht nur auf diese Frage an ob man enorm starke Grafiken oder Auflösungen zeigen kann, sondern es gibt, wie schon angesprochen, noch weitere Gesichtspunkte.

Gut, kommen wir zu einem anderen Punkt. Sie haben vorhin schon Apple angesprochen. Es wird viel darüber gesprochen bzw. gibt es darüber viel in der Presse zu lesen, dass Smartphones insgesamt zu einer starken Konkurrenz für Nintendo oder Sony werden. Wird das möglicher Weise in der Presse auch übertrieben dargestellt? Ein Großteil der Leute die auf iPhone oder ähnlichem Gerät spielen hätte mit Sicherheit keine Konsole gekauft.

Das würde ich nicht so sehen. Diese Annahme ist meiner Meinung nach nicht richtig. Anders ist es der Fall. Es gibt Leute die spielen sowohl auf dem iPhone als auch auf der Konsole und es gibt Leute die spielen eben nicht. Natürlich kann man sich die Frage stellen ob jemand der eine PS3 zu Hause hat sich jetzt auch noch eine Xbox kauft. Aber ob jetzt jemand kein iPhone kauft, weil er schon einen Nintendo zu Hause hat, das halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Auch nicht andersherum? Dass jemand der bereits ein iPhone hat möglicherweise auf einen Handheld verzichtet?

Auch das nicht. Es sind ja auch ganz andere Spiele, der Content ist zu einem Großteil deutlich anders. Nicht überall, aber durchaus in vielerlei Hinsicht. Gerade das was jetzt auf dem iPad passiert sind doch ganz neue Zielgruppen, ganz neue Spielarten die so vorher noch nicht da waren.

Glauben sie es ist ein Vorteil der Smartphones und der Pads, dass sie eine geringere Halbwertszeit haben und dort dementsprechend neue Technik, die anspruchsvollere Spiele ermöglicht, integriert werden kann, während der Nintendo beispielsweise sicherlich wieder vier bis fünf Jahre auf dem Markt sein wird?

Das ist schon ein Gesichtspunkt der sich hören lässt. Nicht der ausschlaggebende, aber man kann ihn schon durchaus dazuschreiben.

Dann gibt es noch eine Art Hybrid der sich ankündigt. Sony Ericsson, mit dem Know-How von Sony im Rücken, wird in den nächsten Wochen das Xperia Play auf den Markt

25 bringen, ein Handy, das gleichzeitig eine Handheld-Konsole ist. Ein Versuch der vor einigen Jahren auch von Nokia unternommen wurde, mit wenig Erfolg. Was halten sie von der Idee?

Das kann ich nicht beurteilen, müsste ich erst einmal ausprobieren.

Ich muss mal eben überlegen ob ich noch einen wichtigen Punkt vergessen habe…

Ich sage auch gerne noch einmal was von mir aus zu dieser ganzen Entwicklung. Ich sehe in dieser Entwicklung die durch das Businessmodell des iPhones ausgelöst wurde besonders daher viel Dynamik, weil sich das Businessmodell der Online-Games-Branche verändert hat. Dadurch dass das iPhone aufgetreten ist, ist es ja möglich geworden, die Spiele von der von Apple betriebenen Plattform herunterzuladen und eben nicht mehr über die Portale der Telefongesellschaften. Das ist ein ganz wichtiger Punkt gewesen denn dadurch war es den Telefongesellschaften nicht mehr möglich, sich an dem Content mit bestimmten Anteilen zu beteiligen. Dadurch wurde plötzlich das Mobile-Game für Spielehersteller zu einer lohnenswerten Sache. Ich weiß nicht ob sie verstehen was ich meine?

Doch ich denke schon…

Das ist ein ganz wichtiger Gesichtspunkt gewesen. Die Telefongesellschaften haben dann zwar den Zugriff auf ihre 30 bis 50% oder was auch immer sie dafür verlangt haben verloren, aber umgekehrt haben diese Anteile dann die Spielehersteller gewonnen. Wenn man ein Spiel über die Apple Plattform veröffentlicht, dann erhält man 70% der Einnahmen, 30% fallen Apple zu.

Es wird also attraktiver für Spielehersteller entsprechenden Content für diese Geräte zu entwickeln.

Genau! Die Vorstellungen der Telefongesellschaften und übrigens auch aller möglichen anderen aus dem Technologie Bereich stammenden ist ja der, dass der Content bis ins unendliche billig produziert werden kann. Das ist nicht wahr. Die Erstellung von Content hängt mit bestimmten Kosten, Fixkosten beispielsweise, zusammen und dann kann es zu Projekten kommen die sich ganz einfach nicht rentieren. Das hat sich jetzt verändert. Das führte dann auch dazu dass jetzt die anderen Mobile Phone Hersteller ihre eigenen Stores haben wie den Android Store, den Ovi Store etc. Nun besteht für den Spieleentwickler eine gewisse Möglichkeit, auf dem mobilen Spielemarkt Geld zu verdienen.

2007 hat der Hype um das iPhone begonnen. Seitdem ist der Hype um mobiles Spielen enorm gewachsen, so ist zumindest mein Eindruck.

Das hat eben mit der Veränderung des Businessmodels zu tun, und nicht mit neuen Spielen, verführerischen Geräten oder ähnlichen. Es hat letztlich allein damit zu tun, dass sich die wirtschaftlichen Grunddeterminanten geändert haben.

26 Könnte es sein dass im Windschatten dieser Entwicklung dann auch die Hersteller der klassischen Handhelds wie Sony oder Nintendo davon profitieren können, weil Spiele immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit treten bzw. von der Gesellschaft zunehmend akzeptiert werden?

Ich bin mir nicht sicher ob es da solche Rückkopplungseffekte gibt. Es geht ja eher um die Akzeptanz der Mobile Games. Nokia hat sich da, wie sie schon angesprochen haben, einmal eine blutige Nase geholt.

Sie glauben also nicht dass es aktuell eine große Konkurrenz gibt zwischen Mobile Games auf Smartphones oder Tablet-PC und Handheld-Konsolen. Sie glauben dementsprechend auch nicht, dass Handheld-Konsolen auf Grund dieser Konkurrenz vom Markt verschwinden werden?

Nein das glaube ich nicht. Es gibt natürlich in Einzelfällen Konkurrenzsituationen aber letztendlich sind die Angebote auf der Content Seite doch noch sehr unterschiedlich. Ich sehe dort auch keine wirkliche Konvergenz. Im Augenblick jedenfalls noch nicht. Das hat auch damit zu tun, dass die Zielgruppe unterschiedlich ist. Man sagt immer dass das iPhone den höchsten Anteil von Millionären auf sich vereint. Das ist eine sehr wohlhabende Zielgruppe die sich sehr individuell fühlt wenn sie mit einem iPhone herumrennen kann. Man könnte ja beinahe einen Slogan machen „Feel individual, by iPhone”. Das ist absurd, weil sie ja alle mit iPhone herumrennen. Das ist eine völlig andere Gruppe von Leuten als die, welche Nintendo Konsolen kauft.

Gut. Wenn sie nicht noch einen weiteren Punkt anfügen möchten, dann sind wir hiermit am Ende angelangt und ich bedanke mich für das Gespräch.

Ich würde mich freuen wenn ich ihre Arbeit lesen könnte beziehungsweise zugemailt bekäme.

Das stellt kein Problem dar, wird allerdings noch etwas dauern.

Wenn sie noch einmal eine Frage haben, können sie gerne anrufen.

Interview M. Moser, Frühjahr 2011

Als Bestandteil seiner Studie (MDH)